Moers, 22.04.2010: Die Zeit der friedlichen Revolution in Deutschland Ende 1989 haben die Schülerinnen und Schüler von heute nicht erlebt. Sie wissen allerdings aus dem Geschichtsunterricht um die außerordentliche historische Bedeutung der Entwicklungen in Deutschland. Zwei entscheidende Akteure dieser Zeit waren nun zu Gast im Moerser Gymnasium in den Filder Benden und berichteten von ihrem Leben und ihren Erlebnissen. Rainer Eppelmann, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter und Minister a. D. und Dr. Wolfgang Berghofer, ehemaliger Oberbürgermeister von Dresden, waren auf Einladung der Unternehmerschaft Niederrhein gekommen und stellten sich für mehr als 2 Stunden den Fragen von mehr als 200 Schülerinnen und Schülern aus der Region.
„Diese Veranstaltung fand erstmals vor einem reinen Schülerpublikum statt. Es bietet die wohl einmalige Chance, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen und wir freuen uns über die große Resonanz“, so Hartmut Schmitz, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerschaft Niederrhein. Die Kontakte zu Eppelmann und Dr. Berghofer waren bereits im Herbst des vergangenen Jahres aufgenommen worden, als die beiden bei einem Unternehmerabend des Verbandes in Krefeld zu Gast waren.
Schulleiter Hoffmann stellte zunächst die Lebensläufe der beiden vor bevor sie selbst in einem lockeren Gespräch Revue passieren ließen, wie unterschiedlich ihre Lebenswege waren: Berghofer und Eppelmann, beide 1943 geboren, wuchsen in der ehemaligen DDR auf. Berghofer war als linientreuer Gefolgsmann des Regimes Mitglied der FDJ, der Jungen Pioniere und schließlich der SED. Er glaubte an eine gerechte sozialistische Gesellschaft und organisierte Rockfestivals und Großveranstaltungen mit großer Massenwirkung. Schließlich wurde er 1984 Oberbürgermeister von Dresden und musste in der Mangelwirtschaft des Ostens viel Kreativität entwickeln.
Eppelmann stellte sich bereits sehr jung gegen das System und verbrachte sogar einige Zeit im Gefängnis, da er Befehle in der Armee verweigerte. Nach seinem Theologiestudium war er als Pfarrer aktiv und als Ende der achtziger Jahre die Menschen im Ostteil Deutschlands auf die Straßen gingen, war er eine der Leitfiguren. Als am runden Tisch in Leipzig über die politische Zukunft des geteilten Deutschlands diskutiert wurde, waren beide dabei. Heute verbindet die beiden eine intensive Freundschaft und die Auseinandersetzung mit der ehemaligen DDR verbindet die beiden in besonderer Weise.
Die Schülerinnen und Schüler hatten sich auf diesen Tag gut vorbereitet und wollten von den Zeugen dieser Zeit wissen, wie ihr Leben unter der SED-Diktatur war und ob sie glauben, dass es jemals wieder eine Diktatur in Deutschland geben könne. Auch die Frage nach der Rolle der Linkspartei in Deutschland und wurde gestellt. Ganz persönliche Dinge – wie z.B. Rainer Eppelmanns Zeit im Gefängnis gewesen sei, und wie die Familie mit der politischen Rolle Dr.. Berghofers umgegangen sei, interessierte die Jugendlichen. Offen und den jungen Leuten sehr zugewandt standen Eppelmann und Berghofer den Fragen gegenüber und ließen es sich auch nehmen, lockere Sprüche und Witze zum Besten zu geben, die zu DDR-Zeiten erzählt wurden, um das Leben erträglicher zu machen.
Dr. Berghofer berichtete aus seiner Zeit als Dresdener Oberbürgermeister und über die Meisterleistungen, die das Regime bei der Mangelbewirtschaftung zustande brachte. „Man hat oft den Eindruck zu vermitteln versucht, dass alles in bester Ordnung sei und dass in der sozialistischen Wirtschaft alles zum Wohl der Menschen getan wird. Die Menschen haben vieles mitgemacht, da sie keine andere Möglichkeit hatten.“ Er hat sich mit seiner Rolle in diesem Land, an das er lange selbst geglaubt hat, auseinandergesetzt und einen gedanklichen Wandel ernsthaft und nicht aus Kalkül vollzogen.
Als der Ostteil Deutschlands 1989 wirtschaftlich am Ende war, „gingen die Menschen auf die Straße, obwohl sie nicht wussten, ob sie wieder nach Hause kamen. Aber die Menschen wollten diese friedliche Revolution, wie wir sie erlebt hatten“, so Rainer Eppelmann. Er ist froh, dass er dabei war und sein erklärtes Ziel ist es, 93 Jahre alt zu werden. „Dann habe ich es nämlich genau geschafft, ein Jahr länger in Freiheit zu leben als in der Diktatur.“


